Die Wutprobe

(Illustration Hurrah for Gin)

Wer kennt es nicht, das berühmte Bild des schreienden Kleinkindes an der Supermarktkasse. Dieses Klischee ist uns bisher zum Glück erspart geblieben, aber ich bin da demütig. Denn alles ist möglich und nur eine Phase. In guten wie in schlechten Zeiten. Ich bin also durchaus offen für einen Wutanfall in der Kassenschlange.

Frustration hat viele Gesichter, das merken wir jetzt, angekommen bei den „terrible twos“. Meistens hilft nichts, außer geduldig abzuwarten bis der Sturm vorbei ist und ein großes Glas Wein, sobald das Kind im Bett ist. Ein schönes Beispiel aus dieser Woche: Ava will nach der Kita unbedingt ein Eis essen gehen. Okay, warum nicht. Ab aufs Fahrrad und los gehts. Fahrrad? Wie konnte ich nur. „Ich will laufen!!!! Ich bin schon groß!!!“ quengelt das Kind und ist mit Geld und guten Worten nicht auf ihren sonst so geliebten Fahrradsitz zu befördern. Gut, denke ich, dann laufen wir eben ein Stück. An der ersten Ampel will ich sie an der Hand nehmen, ein böser Fehler. „Neiiiin, ich kann das alleine, ich will alleine laufen!“, schreit die kleine Wutbürgerin, reißt sich los und wirft sich mitten auf der Straße auf den Boden. Die Ampel ist mittlerweile wieder rot, mein Gesicht auch.

Da wir in diesem Tempo erst in 100 Jahren an der Eisdiele ankämen (was ich ihr natürlich kindgerecht aufbereitet erkläre), verfrachte ich sie auf den Sitz und werde mit wütendem Geschrei und dramatischem Geheule bis zur Eisdiele bestraft. Dort angekommen ist erst mal beleidigte Ruhe. Bis ich sie im übertrieben gut gelauntem Ton mit der Aussicht auf ihr heiß ersehntes Eis aufzumuntern versuche. Der dritte große Fehltritt meinerseits an diesem Nachmittag. Das Geschrei geht wieder von vorn los, bis der erste Löffel Eis im Mund landet.

So geht das momentan fast jeden Tag bei uns. Die Laune wechselt von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde. Von „Ich bin schon groß, ich kann das alleine“ hin zu „Bin ein Baby, will aufn Arm, Snuller, wä, wäh, wäh!“.  Und das oft innerhalb weniger Minuten. Man merkt richtig, dass sich bei ihr im Kopf gerade ein Wechsel vollzieht. Sie kann schon so viel und vieles noch nicht, versucht zu verarbeiten, was um sie herum passiert, was Erwachsene besprechen und wie ihre Mitmenschen miteinander umgehen. Anderes kann und darf sie halt noch nicht oder nur in abgespeckter Version. Je nach unserer Laune, reagieren wir als Eltern gelassen und verständnisvoll oder aber auch genervt. Eine echte Geduldsprobe, denn oft hat das Kind einfach den längeren Atem. Das führt zum ständigem Hinterfragen unserer Erziehungsmethoden (was lassen wir sie einfach probieren, was nicht?) und endet nicht selten auch im Streit.

Ich erinnere mich auch noch gut an eine Situation mit meinem Neffen vor ein paar Jahren. Er war ungefähr zwei Jahre alt, meine Schwester schmierte ihm unter seinem streng prüfenden Blick ein Brot. Es sollten Butter und Wurst drauf. Meine Schwester tat wie befohlen und dennoch brach plötzlich ein Sturm los. Nach mehreren Minuten verzweifeltem Weinen, hatte er den Atem wiedergefunden und erklärte uns verzweifelt: „Die Wurst liegt falschrum auf dem Brot!“

Unter meinem Freundinnen ist das mittlerweile zum geflügelten Wort gefunden. Wann immer eines unserer Kinder aus unerklärlichen Gründen ausflippt oder wir selber auch mal einfach mit der Gesamtsituation unzufrieden sind, liegt die Wurst halt falschrum auf dem Brot.

Erfahrene Eltern, die das alles bereits hinter sich werden nun milde lächeln und ich hoffe ich kann das auch irgendwann wieder. In ganz dramatischen Momenten spule ich ein Mantra in meinem Kopf ab: „Ich bin ein Fels in der Brandung, ich bin ein Fels in der Brandung. Nichts erschüttert mich.“ Darauf erst mal ein Glas Wein.

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