No kidding

Balloon Poetry by Oh Happy Day & Amy Turn Sharp

Ich bin keine besonders verträumte oder romantische Person. Ich habe mir das Muttersein nicht als Aufenthalt im Vergnügungspark vorgestellt. Und dennoch würde ich es mit einer Achterbahnfahrt vergleichen – zumindest die ersten paar Monate. Man sollte dazu noch wissen, dass ich überhaupt kein Fan von Achterbahnen oder sonstigen abenteuerlichen Fahrgeschäften bin, also wisst Ihr wahrscheinlich, wohin die Reise geht.

Als ich schwanger wurde, war ich 33 Jahre alt, man kann also sagen, dass ich genügend Zeit hatte, mich auf alles vorzubereiten: auf schlaflose Nächte, wenig Zeit zu zweit oder allein, Streit darüber, wer es denn jetzt besser weiß, und auf das schreiende und weinende Baby.  Mir war nicht klar, dass das Baby nicht das einzige Tränen vergießende Wesen in dieser neuen Dreiecksbeziehung sein würde.

Es fing an, als mein Mann nach zwei Wochen gemeinsamer Elternzeit wieder zurück zur Arbeit musste. Ich fiel in ein Loch, sobald er das Haus verließ und war heilfroh, wenn ich abends seinen Schlüssel im Türschloss hörte. Ich fühlte mich nicht nur müde, sondern überfordert und leer. Ich war zwar in der Lage mich um meine Tochter zu kümmern, tat dies aber eher pflichtgemäß. Auch Nähe gab ich ihr so viel ich konnte, aber nur weil sie es brauchte, nicht weil ich es wirklich wollte. Ich fühlte mich einfach nicht mehr wie ich selbst, eine Tatsache, die ich unerträglich fand. An manchen Tagen saß ich weinend auf dem Sofa, Ava schlafend in meinem Arm. Immer lief das Radio, denn ich konnte die Ruhe und die Einsamkeit mit Baby nicht ertragen. Ich hatte zu nichts mehr Lust, fand nichts schön. Wo war es denn, das viel beschworene Glück vom Muttersein? Die unfassbare Bindung zu diesem neuen kleinen Wesen, der Krönung unserer Liebe? Bullshit, ich kann keine Mama sein, dachte ich. Warum hat mir keiner gesagt, dass es in Wirklichkeit gar nicht so schön ist. Und warum sehen die anderen so glücklich aus, lügen die einfach alle?

Daraus resultierte ein schlechtes Gewissen Ava gegenüber. Die Angst, dass sie merken würde, dass ich das ganze hier kaum ertrage und am liebsten wieder rückgängig machen würde.  Dazu kam, dass unsere Tochter in den ersten Monaten sehr viel geschrien hat. Eine Tatsache, die ich mir dank der super weisen Aussage „entspannte Mütter, entspannte Kinder“ irgendwann einfach selbst zuschrieb. Meine Schlussfolgerung war, dass sich mein Unglück auf Ava übertrug und sie deshalb so viel weinte. So geriet ich in einen Teufelskreis aus Traurigkeit und Schuldgefühlen.

Balloon Poetry by Oh Happy Day & Amy Turn Sharp

Mein Mann versuchte mir zu helfen, kam oft früher nach Hause und nahm mir am Wochenende viel ab. Aber das Ganze war eben keine praktisch lösbares Problem, wie Männer es so gern mögen, sondern ein hormonell bedingter Extremzustand. Zum Glück hatte ich eine super tolle Hebamme, die mir ein homöopathisches Mittel empfahl, mir jeden Tag gut zusprach und mir rat, mich so oft es geht mit anderen, mir eng vertrauten Menschen zu umgeben und viel unter Leute zu gehen. Meine Freundinnen haben mir in dieser Zeit sehr geholfen, ich kann mich glücklich schätzen, sie zu haben. Nach ungefähr drei Monaten war der Spuk vorbei. Ich fühlte mich immer mehr angekommen und freundete mich mit dem Chaos meiner neuen Rolle an.

“[A mother] discovers with great delight that one does not love one’s children just because they are one’s children but because of the friendship formed while raising them.” – Gabriel García Márquez

Heute weiß ich, dass ich keinen einfachen Baby Blues, sondern eine post-partale Depression hatte. Und dass es wirklich vielen Müttern so geht, genauer gesagt sogar 10 bis 15 Prozent. Nur redet kaum eine darüber. Das Bild der mit Glückshormonen vollgepumpten, stillenden Mami mit lächelndem Baby auf dem Arm ist einfach zu übermächtig. Ja, die ersten Wochen, Monate, bei manchen das ganze erste Jahr mit Kind sind verdammt hart. Die meisten Frauen stehen schon voll im Beruf, wenn sie schwanger werden, sind unabhängig und selbstbestimmt. Plötzlich ist da ein kleiner hilfloser Wurm, der das ganze Leben umkrempelt, den Tagesablauf diktiert und immer, wirklich IMMER da ist. Und man hat sich diesen Wurm ja vorher auch so sehnlichst gewünscht. Ist quasi selber Schuld an dem Dilemma und das arme Kind hat nicht darum gebeten. Bis das Dröpschen zum ersten Mal lächelt, bekommt man auch nicht wirklich viel zurück – meine Freundin beschrieb die Situation sarkastisch: „Ich fühle mich wie ein Tierpfleger. Füttern und Dreck wegmachen.“ Dazu kommt die Hormonumstellung und der Schlafmangel, der ja  in manchen Ländern als Foltermethode genutzt wird. Alles zusammengerechnet wird die Verzweiflung fast schon zum Normalzustand.

Es wäre schön, wenn einem vorher mal jemand sagt, dass es ganz normal ist, nicht direkt eine Verbindung zu spüren. Dass man sich und sein Kind neu kennen lernen und dass Liebe tatsächlich wachsen muss, so klischeehaft es klingt. Ava ist jetzt zwei und ich erinnere mich nur noch schemenhaft an das Chaos der ersten Monate. Mittlerweile kann ich es mir ohne sie absolut nicht mehr vorstellen und wenn ich Bilder von mir aus der Zeit vor Ava sehe, frage ich mich, wer das noch mal war. Ich bin heute zwar eine andere, aber immer noch ich selbst.

 

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